Kavaza Lehrerarbeit von Daniel Geyer

KAVAZA

Lehrerarbeit

von

Daniel Geyer

zum Abschluss des dritten Lehrergrades.

Wien, im Februar 2014

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Werdegang

Im Jahr 2009 kam ich durch Zufall an der damaligen She Hok Pai Kampfkunstschule in Wien vorbei. Ich war damals nach meinem Umzug eigentlich auf der Suche nach einem Fitness-­Studio.

Bereits während des Probetrainings gefiel mir der „neue“ Sport sehr gut. Si-­Fu Zeki Öztürk verstand es, die anfangs völlig neuen Eindrücke, Bewegungen und Techniken anschaulich und durch Spaß am Training zu vermitteln.

Nach kurzer Zeit besuchte ich nicht nur die „waffenlosen“ Kurse, sondern nahm auch an Waffenausbildung
und Gesundheitskursen teil. Nach gut einem Jahr entschied ich mich für die „Intensivkurse“, die mein Training und meinen Fortschritt sehrforcieren sollten.

Noch im „alten“ System, das damals sehr an WingTsun angelehnt war, schloss ich im waffenlosen-­und Waffenbereich den ersten Lehrergrad ab.

Die Zeit darauf erfuhr das System einen Umbruch. Es wandelte sich vom mehr oder weniger „klassischem“ WingTsun zu einem zeitgemäßen, modernen und dynamischen Kampfkunstsystem („KAVAZA“).

In diesem neuen System legte ich in den folgenden Jahren die Prüfung für den zweiten und Ende 2013 die Prüfung für den dritten Lehrergrad ab.

Dieses Skript stellt im Folgenden die Abschlussarbeit für den dritten KAVAZA-­Lehrergrad dar.

Warum KAVAZA?

Wie bereits anfänglich beschrieben, kam ich mehr oder weniger durch Zufall in das „Kampfkunstgeschäft“. Zuvor wurde meine sportliche Laufbahn hauptsächlich durch Fußball, später dann durch Ausdauersportarten und Fitnesstraining geprägt. Zwar war das Interesse und die Faszination für
Kampfsportarten schon seit Kindertagen an gegeben, doch meine damalige Wohnsituation ließ außer Fußball nichts dergleichen zu.

In der ersten Zeit meiner She Hok Pai Ausbildung musste ich mich als Neuling erst in dieser Welt zurechtfinden. Kampfsport und Kampfkunst waren lange Zeit für mich bedeutungsgleich gewesen. Mit der Zeit machten die Formen und Bewegungsabläufe immer mehr Sinn, die Bewegungserfahrung nahm zu und letzten Endes wurde auch der Spaß daran immer größer. Der Spaß gepaart mit Interesse und Neugier auf Neues ließen mich mehrmals die Woche zu den Trainingseinheiten gehen. Nach einigen Jahren konnte ich sogar Privatstunden in Anspruch nehmen und mich somit noch schneller und intensiver entwickeln.

Als das System vor einigen Jahren umgestellt bzw. modernisiert wurde, war ich anfangs ebenso skeptisch wie viele meiner Trainingspartner. Warum sollte man ein altbewährtes, seit Jahrhunderten bestehendes System verändern? Warum wurden auf einmal die „guten alten“ Formen weggelassen? Die Antworten auf diese Fragen wurden anschaulich im Laufe der Zeit gegeben. Während das klassische System sehr durch aufrechte Körperhaltung, genaue Winkelvorgaben und Wendungen geprägt war, wurde jetzt mehr auf individuelle Motorik und Dynamik wert gelegt. Die Formen fielen weg, sodass die Zeit für direkte Anwendungen der Techniken mit Partner genutzt werden und das Training somit effektiver gestaltet werden konnte.

Ich finde es sehr wichtig, dass man immer wieder über den Tellerrand hinausblickt und sich andere Systeme und Stile ansieht. Bei deren Betrachtung fällt mir vereinzelt immer wieder auf, wie sich diese noch sehr in Tradition und technischer Stagnation befinden. Was früher gut war, kann heute nicht schlecht sein… Die stimmt natürlich teilweise und soll auch keine Kritik rechtfertigen. System/Stil intern ist es jedermanns Recht, sich an Traditionen zu binden und jahrelang erprobte Techniken zu vermitteln bzw. zu
erlernen.

Als KAVAZA weiterentwickelt wurde, sah man sich die modernen potentiellen Gegner an. Die Spanweite geht vom „einfachen Straßenschläger“ bis hin zum professionellen MMA‐Kämpfer. Und Aufgabe eines zeitgemäßen Kampfkunstsystems ist es, für diese Bandbreite an Stilen ein entsprechendes Repertoire der „Antwortmöglichkeiten“ bereit zu halten.

Im Laufe der Zeit versucht man als Schüler immer mehr hinter die Techniken zu schauen und sich selbst zu
entwickeln. Wo anfangs jeder gerade Faustangriff stur mittels einer erlernten Technik abgewehrt und
gekontert wurde, sammelt man mit zunehmender Erfahrung und Körperbewegung mehrere und vor allem
ökonomischere „Antworten“.

Während die ersten Jahre vor allem dem Erlernen effektiver Selbstverteidigungstechniken dienen, zielen die darauf folgenden „Lehrjahre“ verstärkt auf eine Verbesserung der Bewegungserfahrung, aus der letztendlich die Dynamik für effektive und vor allem für ökonomische Angriffs-­und Abwehrtechniken resultiert.

Nach Abschluss des ersten Lehrergrades hat man eine Stufe erreicht, die es einem erlaubt, sein erlerntes Wissen und Können an Schüler der „Unterstufe“ weiter zu geben. Auf Grund meiner beruflichen Situation und der damit einhergehenden Unregelmäßigkeit feste Trainingszeiten betreffend, ist es mir nicht möglich gewesen, als Lehrer zu unterrichten. KAVAZA vermittelt sehr anschaulich die Integration und Anwendung der Holzpuppen-­und der Langstockform. In diesem System gelten diese Trainingsmethoden keineswegs als „geheim“ oder als „absolute Techniken“. Die Abwicklung der Holzpuppenform macht noch lange keine guten Kämpfer aus. Erst durch viele Anwendungsbeispiele mit einem Partner hat mir Si-­Fu Zeki Öztürk den eigentlichen Hintergrund dieser „höheren“ Techniken nahe gebracht.

Und dies ist auch ein entscheidender Punkt: die starre Holzpuppe kann zwar zum Abhärten, Winkelverbessern und Anwendungstraining ohne Partner genutzt werden; allerdings wird sie nie die dynamische Kampfsituation mit einem Trainingspartner ersetzen können. Die Holzpuppe „reagiert“ immer
nur auf den Druck, den man ihr gibt. Auch„bestraft“ sie mangelnde Körperbewegung nicht; hingegen im realen Kampf ist dies ein entscheidender Parameter und oft der Schlüssel zum Erfolg.

Während andere Systeme Arme und Beine als „Hauptwerkzeuge“ zur Abwehr und zum Angriff einsetzen,
basiert KAVAZA auf Körperbewegung.

Einfach ausgedrückt sollte der KAVAZA-­Schüler nur durch seine Bewegungserfahrung im Stande sein, den meisten Angriffen auszuweichen und Arme und Beine nur unterstützend bzw. für den folgenden Angriff
einzusetzen.

 

Mentales Training:

In den zahlreichen Privatstunden mit Si-­Fu Zeki Öztürk wird sehr viel zum Nachdenken über diverses Kampfverhalten bzw. den Einsatz unterschiedlicher Techniken angeregt. Daraus ergibt sich, dass das Training nicht nur in der Schule, sondern auch mental zu Hause fortgeführt wird.

Dieses mentale Training hat meiner Meinung nach einen sehr großen Stellenwert. Zwar hat man keinen realen Trainingspartner oder Aggressor vor sich, jedoch spielt man vor seinem geistigen Auge diverse Situationen durch und sucht somit die passende „Antwort“.

Mentales Training wird seit langer Zeit im Spitzensport angewendet. Man hat erkannt, dass es nicht nur auf das haptische Trainieren ankommt, sondern der Geist bzw. die mentale Verfassung eine wesentlich Rolle
spielt.

Beobachtet man einen Skifahrer vorm dem Start genau, so wird man ihn mit geschlossen Augen und „wackelndem“ Körper sehen.

Doch was macht dieser genau?

Er visualisiert die Rennstrecke gedanklich, versetzt sich somit in die Rennsituation und stellt seinen Körper motorisch auf die Abfahrt ein. Somit ist die Erfahrung während des wirklichen Rennens keine Neue und er
kann auf die zuvor mental erlebten Bewegungsmuster zurückgreifen.

Analog hierzu stehen unterschiedlichste Kampfanwendungen.

Die Technik wird während der Partnerübung oder durch Training an der Holzpuppe eingeschliffen. Passende Aktionen oder Reaktionen jedoch können sehr gut durch mentale Vorstellungskraft trainiert werden. Hierbei geht es nicht darum, sich jede erdenkliche Kampfsituation vorzustellen, sondern für sich
selbst eine Methode zu entwickeln, wie man mit dieser umgeht.

Dies fängt bereits in der Deeskalationsstufe an:

• Wie trete ich auf?
• Wie verhalte ich mich einem potentiellen Aggressor gegenüber?
• Wie sieht meine Körperhaltung aus (Stichpunkt Non-­verbale Kommunikation)?
• Stelle ich mich gleich in eine Vorkampfstellung?
• Oder wirke ich gelassen, aber dennoch die Hände und Körper in „Alarmbereitschaft“?

Das alles kann man leicht gedanklich durchspielen, sich selbst mit einer möglichen Situation mental konfrontieren und sich in stressfreier Umgebung eine passende Antwort überlegen. All dies findet außerhalb des Unterrichtraumes statt; das Techniktraining von Mann-­zu-­Mann jedoch kann dadurch natürlich nicht ersetzt werden!

 

Schlusswort:

Abschließend möchte ich mich bei meinem Si-­Fu Zeki Öztürk für die sehr lehrreichen Trainingsjahre bedanken. Er war und ist stets sehr darauf bedacht, seinen Schülern ein hohes Maß an Freiheit und Individualität beim Kämpfen zu vermitteln. Man erschafft somit keine exakten Kopien, die alle nach einem
Schema „f“ kämpfen, sondern Charaktere, die mittels des Systems ihre individuellen Kampfeigenschaften zum Ausdruck bringen können und sollen. Persönlich bin ich der Meinung, das KAVAZA als Kampfsystem, welches offen für neue Ideen und Veränderungen ist, eine gute und erfolgreiche Zukunft voran steht.